Music Studio, Label, Editora, Distribution, Live Concerts, Formação de Téchnicos de Produção
International music production based in Inhambane, Moçambique

Februar 8th, 2007

Ein alter Taschentrick

Chimoio, 2.2.2007, auf dem Weg von Beira nach Manica, um meinen alten Freund Meini zu besuchen, steigen wir zum ersten Mal auf unserer Reise in einem Backpacker, dem Pink Papaya, ab. Nahe der zimbabwesischen Grenze wird viel Englisch gesprochen, viele einheimisch anmutende Gesichter erstummen beim Versuch, eine Konversation auf Portugiesisch zu führen.
Das Haus des Backpackers ist auf den ersten Blick eigenartig, da der Großteil der Aussenwände zum größten Teil mit Pink ausgemalt ist. Die Besitzerin, Helen aus England, betreibt dieses Buissness seit einigen Jahren und beherbergt hauptsächlich junge, studierende, rucksackbereiste und neugierige Globetrotter, die sich entweder auf dem Weg von oder nach Zimbabwe befinden.
Eine riesige Landkarte im liebevoll englisch und überwiegend pink eingerichteten Haushalt fängt sofort meinen Blick und ich verbringe immer wieder lange Momente dort, gebannt von der Größe des südlichen Afrikas und der geringen Distanz, die wir nach etwa fünfzehnstündiger Reise von Beira hierher zurückgelegt haben. Helen ist freundlich und verwirrt, denn sie ist verliebt. Sie erzählt von ihrer neuen Romanze mit einem weißen zimbabwesischen Farmer, den sie vor Monaten kennen gelernt hat, erzählt, wie die Regierung ihm sein Land weggenommen hat und wie sehr sie schon aufgeregt ist, dem Ruf ihres Herzen zu folgen, und die 20 Stunden Autoreisen auf sich nehmen wird, um den ganzen Februar, dem ruhigsten Monat im Pink Papaya, in einer Art Hochzeitsreise verbringen wird. Ihre Vertretung in Chimoio ist die kettenrauchende Karina aus Massachusetts, USA.
Im Pink Papaya arbeiten hauptsächlich englisch sprechende Schwarze aus Zimbabwe, nur eine Embregada beherrscht Portugiesisch, sie wäscht, kocht und putzt. Bis auf die Tatsache, dass sie unsere Wäsche, statt sie zu waschen, einen halben Tag in mit Wasser und OMO befüllten Behältern stehen lässt, was dazu führt, dass nun einige meiner weissen T-Shirts blaue Schattierungen tragen, ist sie eine sehr sympathische Person. Auch die anderen Angestellten machen einen freundlichen Eindruck und sind außerordentlich kommunikativ. Ich wundere mich nur über die vielen verschiedenen Gesichter, die mich immer wieder begrüßen und ich verliere bereits am zweiten Tag den Überblick, wen des Personals ich bereits kennengelernt habe und wen nicht. Nach Helens Abreise komme ich nach meinem vormittäglichen Versuch, ins Internet einzusteigen aus dem Zentrum der Stadt in den Pink Papaya und treffe eine etwa 70-jährige Touristin aus England, die erschöpft von ihrer Anreise aus Tete versucht, sich zu orientieren. Mit ihr ein junger Bursch, der sich als Mosambikaner entpuppt und als Allroundgenie erweist, bringt er doch zahlreich Gäste in den Backpacker und ist für alle Aufgaben zu haben. In meiner Naivität erzähle ich ihm, ich hätte einen 100 Euro Schein zu wechseln, wünsche aber nicht, von ihm irgendwohin begleitet zu werden, da ich bereits ein erfahrener Reisender bin und außerdem meinen Wohnsitz in Inhambane habe. Ich bevorzuge, unabhängig zu sein und wenn ich Geld wechsle, nicht mit unnötig vielen Leuten in Kontakt zu treten.
Stunden später, nach einer ausgiebigen Mittagsruhe, warte ich immer noch auf die verspätet trocknende Wäsche und will eigentlich schon längst auf dem Weg nach Manica sein. Ein Angestellter, der die Außenwand eines Nebengebäudes mit einem pinken Anstrich versieht, ruft mich in die Gemeinschaftsküche des Pink Papaya und berichtet mir, am Eingangstor zum Gelände stehe ein Geldwechsler, der mir gern den Weg zum weit abgelegenen Praza ersparen will. Ich zögere, ist es doch ungewöhnlich, von Geldwechslern zu Hause besucht zu werden. Andererseits sind wir in Afrika und Leute versuchen mit verschiedensten Mitteln Geld zu machen, deswegen freue ich mich über das gute Service.
Samira, meine geliebte mosambikanische Mitreisende, ist von der Situation nicht begeistert. Sie sagt, Geld wechsle man nicht einfach auf der Strasse. Mir ist das egal und wir treten dem Herrn am Eingangstor entgegen. Er sitzt auf einem Fahrrad, bietet mir einen außerordentlich guten Wechselkurs und ich stimme der Transaktion freudig zu. Er zählt flink die Scheine und übergibt mir einen ganzen Haufen Geld, den ich zu zählen beginne. Es fehlen 200 Meticais. Samira vergewissert sich auch noch einmal  und kommt zur gleichen Summe. Der gewissenhafte Geldwechsler auf der anderen Seite des Tores kann es nicht glauben und bittet, ihm da Geld zum Zählen zu geben. Sofort sehe ich, dass der Mann vom Fach ist. Er lässt die Scheine schnell durch seine Hand streichen und rechnet mit uns gemeinsam, alle zählen wir gemeinsam im Chor, um, dos, tres, cuatro….. Bei runden Summen faltet er gekonnt die Geldscheine nach unten, um etwaiger numerischer Verwirrung Einhalt zu gebieten, und kommt auch, wie erahnt, auf die gleiche Summe. Er gibt zu, dass 200 Meticais fehlen, aus seiner Hosentasche zückt er weitere Scheine, vereinigt sie mit dem vorher gezählten Stoß Geld und übergibt mir den ganzen Patzen im Tausch mit einem 100 Euro Schein, den er kaum eines Blickes würdigt.
Ich übernehme das Geld und freue mich ein zweites Mal über das großartige afrikanische Service. Am Weg zur trocknenden Wäsche ruft mich Samira dann in die Küche und fordert für einen Moment das Geld aus meiner Tasche. Sie nimmt den Salzstreuer und beginnt, den Stoß Geld mit Salz zu bestreuen. Sie erklärt, immer noch misstrauisch gegenüber der reibungslosen Wechselaktion, so wäre das Geld für Leute, die sich hier in Mosambik sehr zahlreich mit schwarzer Magie befassen, nicht sichtbar und es würde bei mir bleiben. Angeblich sei es möglich, Geld aus der Tasche eines Fremden zu ziehen, wenn es vorher in Manier des Curandeiros präpariert wurde.
Curandeiros sind mosambikanische Naturheiler, die zum einen die westliche Medizin ersetzen, indem sie Krankheiten mit Kräutern, Rauch und Pulvern behandeln, zum anderen dafür eingesetzt werden, Geister zu rufen, andere Persönlichkeiten anzunehmen, vergangene Situationen wieder ins Gedächtnis zu rufen und auch, und das ist in Mosambik der wesentliche Punkt, warum ihnen ein mysteriöser bis schlechter Ruf vorauseilt, um andere Leute zu schädigen, ihnen Krankheiten aufzuhalsen oder sogar zu töten. Zum Curandeiro zu gehen, um dem Nachbarn neidig sein Vermögen streitig zu machen ist in Mosambik genauso wenig eine Seltenheit, wie den ungeliebten Schwäger mithilfe eines bestimmten Kräuterrituals tagelang zu ermüden, bis ihn eine schwere Krankheit ereilt, die ihn schlussendlich ins Grab bringen wird.
Nun gut, das Geld wurde also mit Salz bestreut. Umso besser, denke ich mir, wenn ich eine kundige Mitreisende habe, die mit den lokalen Bräuchen vertraut ist.
Den ganzen Tag lang, auf der Reise im Chapa, dem lokalen Minibus, bis zum Abendessen und den zahlreichen Whiskeys in einem Restaurant in Manica spüre ich angenehm den Patzen Geld in meiner linken Hosentasche. Nicht ein einziges Mal wage ich, die Hand in meine Tasche gleiten zu lassen, denn für Kleingeld ist Samira zuständig und sie kann bis zum Abend alle Rechnungen begleichen. Kommt der Moment, in dem das köstliche Abendessen bezahlt sein will, Rippen vom Rind mit Batatas Fritas, reichlich Salat, Spiegeleier, scharfer Chili und eben besagte Getränke. Die Rechnung ist für afrikanische Verhältnisse hoch, doch man gönnt sich ja sonst nichts. Ich fasse also in meine linke Hosentasche und hole den Stoß Geld heraus, entnehme ihm die nötigen Scheine, bezahle die Rechnung und vergewissere mich bequem und hochzufrieden über den gelungenen Tagesablauf, ob sich das gesamte gewechselte Geld nach wie vor am richtigen Platz befindet. Ich muss diesen Vorgang dreimal wiederholen, weil ich es selbst nicht glauben kann. Abzüglich des beglichenen Abendessens fehlen von dreieinhalb tausend Meticais rund zweitausend.  Mir wird kalt und schaurig. Wie kann es sein, dass….
Es ist einfach unglaublich. Samira wird wütend und sagt mir, sie habe es gewusst und mich gewarnt, ich solle mit Geld besser aufpassen. In Mosambik sei das Leben anders und ich müsse mir dessen bewusst sein. Ich kann nicht mehr zuhören, vor meinen Augen spielt sich die Szene mit dem Geldwechsler ab, ich versuche die Lage genau zu rekonstruieren.
Bis ich schlafen gehe, bleibt es mir ein Rätsel, wie die Sache gelaufen ist. Ich spiele alle möglichen Situationen des Tages ein, zwei, drei Mal durch und frage mich, ob es möglich sei, einfach 2000 Meticais auf der Straße gehend zu verlieren, was mir am Ende unwahrscheinlich erscheint.
Der einzige Moment, in dem mir das Geld abhanden gekommen sein kann, ist jener, in dem mir der Geldwechsler den von ihm durchgezählten Stoß zurückgegeben hat. Diese Version ist mir weit lieber als alle anderen Geschichten vom merkwürdigen Verschwinden von Gegenständen aus fremden Eigentum, wie es in Mosambik häufig der Fall sein soll. Also freue ich mich über die gute Arbeit eines Geldwechslers und Taschendiebs, der mich um ungefähr 60 Euro beraubt hat und hoffe, dass er es wirklich war. Ich habe den Geldstoß zwar nicht einen einzigen Moment aus den Augen gelassen, aber wer weiß schon, welche üblen Tricks professionelle Taschendiebe auf Lager haben.
Eine andere, weitaus unangenehmere Ansicht ist jene, dass das Salz deshalb nicht als Schutzengel fungiert hat, weil es etwa nicht geeigneter Qualität oder mosambikanischer Herkunft war. In diesem Fall hat mir der Kerl mit Hilfe eines Curandeiros das Geld aus der Tasche gezogen. Es ist dann womöglich einfach verschwunden, in irgendeinem Moment, als ich mich gerade freute, es in der Hosentasche zu haben und ich mir glückselig die Hand auf meinen Oberschenkel legte.

 

3 Responses to “Ein alter Taschentrick”

  1. Thomas Pickl Says:

    Der genialen Geldwechsler sollte nach Österreich eingeladen werden. Nach einer glänzenden Karriere als Politiker würde er sicherlich Finanzminister werden.

  2. bertl Says:

    hi roli,

    ich tippe mal auf einen zweiten geldpack, den er dir gekonnt angedreht hat – das wäre früher der klassiker in ungarn gewesen – zu ostzeiten – ich konnte mich selber davon überzeugen!

    eine andere frage: du hast mal erwähnt, dass du beim wetterleuchten festival gerne mit einer truppe afrikaner oder sonst wem spiel möchtest – der sonntag, 15. juli 2007 würde sich dazu gut eignen.

    gib mir vielleicht mal kurz bescheid, da ich ein programm zusammenstellen muss – dies wird dann auch gedruckt werden.

    wann bist du denn wieder mal wieder in österreich?

    grüße bertl

  3. el capitan Says:

    Bravo, habt ihr gut hingekriegt. Der Geldwechsler ist sicher ein Super-Finanzminister. Der nimmt mehr als die Hälfte und sollte auch noch das Sozialresort zugesprochen bekommen.
    P.S. Und nie auf Frauen hören, sonst wird das Leben teuer.

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